1. Oktober 2021, gepostet in PsychologischesNur ein Schritt: So verändert Akzeptanz Ihr Leben

Als ich vor Jahren erstmals ein Buch über „radikale Akzeptanz“ in der Hand hielt, erschrak ich. Ich soll all meinen Schmerz, die Ungerechtigkeiten und Schicksalsschläge meines Lebens akzeptieren –  und ihnen damit zustimmen? Das machte mich zornig und sofort legte ich das Buch zurück ins Regal der Buchhandlung. Fortan betrachtete ich die Akzeptanz als ein theoretisches Konzept unter mehreren, die das Bewältigen von Alltagsfrust und Traumata anstreben. Diese Theorie sprach mich in keiner Weise an.

Doch mit den Jahren entdeckte ich, dass Akzeptanz  – die immer etwas Radikales an sich hat – nicht Zustimmung bedeutet. Akzeptanz kann mein Leben verändern, weil ich Energie für Lösungen gewinne, anstatt im Problem zu verharren. Das hat in meinem Leben nachhaltige Veränderungen bewirkt – und im Leben der Klienten, die bereit dazu waren, sich auf diese Technik einzulassen. Nun endlich gebe ich der Akzeptanz die Beachtung, die dieses wichtige Hilfsmittel unbedingt verdient.

Der Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Wenn ein Umstand eintritt, der nicht mit unserer Vorstellung, dem Gefühl für Gerechtigkeit oder unserem Wunsch übereinstimmt, entsteht eine Art Dissonanz. Das Sichtbare, Erlebte harmoniert nicht mit dem Möglichen. Die dadurch ausgelösten Gefühle kennen wir alle: Widerstand in Form von Ärger, Frustration, Zorn. Häufig empfinden wir auch Enttäuschung, Traurigkeit oder Ohnmacht. Wenn Scham dazukommt, ist es besonders schlimm, denn Scham gehört zu den Tabu-Gefühlen.

Um sich zu beruhigen, versucht unser Geist, die Differenz zwischen möglicher und erlebter Realität zu überbrücken: Wir durchdenken immer wieder die Situation, wie erörtern, wie anders sie hätte sein können und müssen. Wir analysieren immer wieder, warum ein Mensch sich anders verhalten hat, als unsere Vorstellung es als sinnvoll angenommen hätte. Und es kommen Ängste hoch, fast Katastrophen-Szenarien, wie zum Beispiel im Fall einer Kündigung oder einer gesundheitlichen Diagnose.

Akzeptanz mit Tränen: Gesicht aus Bronze, Tränen, Traurigkeit
Akzeptanz zu fühlen fällt schwer. Je schwerer der Schicksalsschlag, umso größer der Widerstand.

Wenn nun jemand kommt und sagt: Die Energie für diesen Widerstand können wir uns sparen, indem wir einfach die Situation akzeptieren – dann sind wir geneigt, in weiteren massiven Widerstand zu gehen. So eine schlimme Situation kann man nicht akzeptieren, die muss man doch verändern, wenigstens verändern wollen, so unser Gefühl. Und überhaupt – bedeutet Akzeptanz nicht, die traurigen, zornigen und hilflosen Gefühle zu verdrängen, zu überspringen und uns damit selbst zu schaden?

Die Situation ist so eingetreten und lässt sich aktuell nicht verändern. Also sind all unsere Vorstellungen davon, wie sie idealerweise sein müsste, im Grunde Verschwendung von geistiger und emotionaler Energie.

Wir verstehen Akzeptanz besser, wenn wir uns noch einmal anschauen, was sie nicht ist – und was sie ist.

Akzeptanz und Widerstand

Zuerst einmal ist Akzeptanz das Gegenteil von Widerstand. Widerstand ist uns zutiefst vertraut, schon seit früher Kindheit. Widerstand heißt: So soll es NICHT sein. Das darfst du NICHT. Das darf der andere nicht. Das war NICHT gut. Verbunden ist Widerstand häufig mit der Aufforderung, die Situation zu korrigieren. Bring das in Ordnung!

Die Folge davon ist, dass wir ständig dabei sind, unsere Umwelt – Menschen und Umstände – und uns selbst – zu bewerten.

Haben Sie einmal darauf geachtet, wie oft am Tag Bewertungen formulieren – über sich selbst und über Ihre Umwelt? Zum Beispiel:

  • das Ergebnis von Aktivitäten
  • die Kommunikation
  • das äußere Erscheinungsbild
  • das Wetter
  • die Verkehrssituation

Unser Verstand ist fast ständig damit beschäftigt, Bewertungen zu formulieren. Sie dienen unserer Orientierung in einer Welt, die immer komplexer wird. So gleichen wir immer wieder neu reale Umstände und Vorkommnisse mit ihren Idealen ab. Im Straßenverkehr, am OP-Tisch, im Flugzeug-Cockpit schützen diese Bewertungen das Leben der Akteure und der ihnen Anvertrauten. Doch auch hier dürfen die Akteure nicht in der Bewertung verharren, sondern müssen sich auf eine Lösung konzentrieren.

Wenden wir uns dem Alltag zu, an dem jederzeit etwas Gravierendes geschehen kann:

  • Ein Streit mit der Freundin
  • Die Enttäuschung durch den Partner
  • Der immer wieder auftretende Konflikt mit einer Kollegin
  • Die Trennung von der Partnerin
Akzeptanz auch hier nötig: Eine Orange Schere zerschneidet einen Ehevertrag und den Stengel einer orangen Rose.
Das Ende einer Ehe zu akztpieren, gehört für viele Menschen zu den größten Herausforderungen.

Solche Situationen gehen uns nahe. Wir lehnen sie ab, gehen in Widerstand, verspüren den dringenden Wunsch, sie zu korrigieren. Der Verlust, der in der Situation liegt, fühlt sich lebensbedrohlich an: Verlust an Verbundenheit, Vertrauen, Respekt, Schutz. Unser ganzes System wehrt sich dagegen, diese für unser Wohlbefinden nachteilige Situation so stehenzulassen. Körper, Geist und Seele sind in Aufruhr, es fühlt sich an wie ein Ausnahmezustand – und es ist auch einer. In diesem Zustand sind wir nicht bei uns selbst, wir können keine Lösung finden. Und die Idee der Akzeptanz fühlt sich fast wie Hohn an. Der Grund dafür sind die Missverständnisse, die mit der Akzeptanz verbunden sind.

Missverständnisse zur Akzeptanz

Einigen Missverständnissen zur Akzeptanz bin ich selbst früher aufgesessen:

  • Wenn ich das jetzt akzeptiere, gebe ich mich mit Mittelmaß zufrieden. Ich will aber das richtig Gute.
  • Wenn ich das akzeptiere, blockiere ich meine Weiterentwicklung, trete auf der Stelle. Ich will aber vorankommen.
  • Wenn ich das akzeptiere, gebe ich mein Einverständnis zu dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit, die mir oder einem anderen Menschen geschehen ist. Ich will aber Gerechtigkeit für alle Beteiligten.
  • Wenn ich das akzeptiere, ermögliche ich gleichgültigen, machthungrigen, unsozialen Menschen, ihr Verhalten unverändert fortzuführen. Ich will aber, dass Menschen sich sozial und sozial verantwortlich verhalten.

Alle diese Missverständnisse sind im Grunde Denkfehler. Ich denke, dass meine Akzeptanz eine Form von Zustimmung darstellt. Das jedoch tut sie nicht. Es ist vielmehr ganz anders. Ich zolle der Situation Anerkennung und respektiere sie als einen Umstand, den ich aktuell nicht ändern kann. Indem ich den Widerstand gegen die Situation aufgebe, wird sofort Energie für Lösungen frei.

Akzeptanz ist ein Entschluss

Bei meiner Recherche zum Thema Akzeptanz stieß ich auf Beiträge, die ausführliche Anleitungen bieten, wie Sie zur Akzeptanz finden können. Meiner Erfahrung nach sind solche Anleitungen im Akutfall untauglich. Wenn unser System – Körper, Geist und Seele – in Aufruhr sind, ist kein Platz für ein strukturiertes Procedere. Ausgenommen sind Abläufe, die zuvor intensiv trainiert und verinnerlicht wurden, wie zum Beispiel im Flugzeug oder am OP-Tisch und verhindern, dass der innere Aufruhr überhaupt entsteht.

Akzeptanz: Brennende Teelichter in orangen Gläsern.
Der sanfte Schein von Teelichtern kann helfen, eine schmerzhafte Situation zu akzeptieren.

Doch als Alltagsmensch mit Freuden, Pflichten und Herausforderungen haben Sie solche Abläufe nicht parat. Das ist auch fast nicht möglich, denn Sie können kaum voraussehen, welche Situationen in Ihrem Alltag in den nächsten Stunden eintreten werden. Meiner Erfahrung nach brauchen Sie nur einen einzigen Schritt zu gehen:

Entscheiden Sie, die Situation jetzt zu akzeptieren.

Das klingt simpel, und im Grunde ist es das auch. Sie geben über den Verstand den „Befehl“ an Ihr System aus: „Alle gehen in Akzeptanz. Widerstand ist eingestellt.“

Praktisch kann das so aussehen:

„Ich finde die Situation ungerecht. So hätte es nicht laufen dürfen. Das habe ich nicht verdient. Ich akzeptiere es.

Sie werden merken, wie sich Ihr System automatisch entspannt: Die Gedanken werden klarer, Sie atmen tiefer, Ihr Körper beruhigt sich. Der Aufruhr in Ihrem Inneren hat sich weitgehend gelegt.

Wichtig: Wenn Sie die Entscheidung zur Akzeptanz treffen, müssen Sie das nicht fühlen. Es geht nur um die Entscheidung Ihres Bewusstseins.

Akzeptanz der Gefühle

Und was ist mit den Gefühlen? Damit gehen Sie genauso um:

„Ich fühle mich ausgeschlossen, einsam, ängstlich. Ich akzeptiere es.“

Dieser Schritt ist genauso  wichtig wie die Akzeptanz der Situation, denn auch Ihre Gefühle wollen anerkannt und respektiert werden. So können sie sich noch einmal ausdehnen und sich dann langsam wandeln. Aus Ohnmacht kann Entschlossenheit erwachsen, aus Fassungslosigkeit Gelassenheit. Ihre Gedanken können beginnen, Entscheidungen aus den Umständen  heraus zu entwickeln und dabei vorhandene Ressourcen einzubeziehen.

So verändert Akzeptanz Ihr Leben: Sie haben mehr Energie für ein konstruktives Umgehen mit Situationen zur Verfügung; sie laufen weniger Gefahr, im Schmerz steckenzubleiben und zu verbittern.

Das wirkt sich auf Ihr Verhalten aus, auf Ihre Entscheidungen, auf Ihre Ausstrahlung. Sie kreieren neue Situationen, lernen neue Menschen kennen und finden Lösungen, auf die Sie sonst nicht oder erst viel später gekommen wären.

Und wenn Sie eine weitere bekannte, doch weithin unterschätzte Technik zur Lebens-Transformation mit der Akzeptanz verbinden möchten, dann könnte die Dankbarkeitspraxis für Sie genau die richtige sein.

Sie möchten das Thema vertiefen und auf Ihre aktuelle Situation anwenden? Vereinbaren Sie gern ein kostenloses Probe-Coaching.


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